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Der innere Kritiker

Jede/r kennt ihn, den ständigen Vergleicher, Mäkler, Urteiler, Besserwisser, Bewerter, Lobhudler, Tadler, Bestätiger, der einer der Hauptdarsteller in unserem kleinen inneren Drama ist. Spätestens auf dem Meditationskissen, macht sich die Type deutlich bemerkbar. Er begleitet fast alles was auftaucht mit seinen Kommentaren. Er hat eine Meinung zu dem was wir tun und was wir nicht tun. Eigentlich sind wir nie gut genug, das kann schon nerven. Oft kommen wir ganz schlecht weg, ob es um die Meditation, Beziehungen, Freunde, Hoffnungen, Träume oder einfach nur Essgewohnheiten geht. Wir sind sehr streng mit uns, urteilen nach Maßstäben die uns irgendwer im Lauf unseres Lebens rübergereicht hat. Wir verlangen von uns Perfektion. Unser innerer Richter findet immer ein Haar in der Suppe (oder eine ganze Perücke), und sollte es mal gut laufen tauchen rasch Zweifel im Hintergrund auf.

 

Ich komme zur spät zur Sitzung, meditiere zuviel/zu wenig, bin nicht genügend achtsam, liege voll daneben mit meiner Praxis, strenge mich zuviel/zu wenig an. Wenn es uns selbst zuviel wird mit dem ständigen Bewerten, wenden wir unsere Aufmerksamkeit unserer Umgebung, Umwelt zu. Das ist dann ein Vollzeitjob, denn da findet man garantiert etwas, das besser, schlechter ist, da können wir urteilen was das Zeug hält und die Meditationssitzung verfliegt im Nu. Der/die sitzen falsch, Streber, Faulpelz, Angeber, Trantüte usw.

Wie können wir mit dem inneren Kritiker umgehen? Um Entscheidungen zu treffen muß man urteilen, differenzieren. Wir brauchen unterscheidende Weisheit, aber das ständige Vergleichen, Aburteilen, Bewerten verwirrt, macht mürbe.

Wie üblich steht am Anfang die Feststellung, hey das läuft gerade ab. Ich bin voll damit beschäftigt mich runter zu machen oder zu überhöhen. Moment mal……wo will ich eigentlich hin. Ist das Achtsamkeit zum Zwecke der Einsicht oder eine Kontrolettinummer, ein Schnellgerichtsverfahren, womit ich alte Urteile bestätige, mich festlege?

So bin ich, so bist du, so ist es, ich hab`s ja schon immer gewusst.

 

Wir müssen erkennen, wie uns die permanente Selbstkritik aussaugt, uns den inneren Frieden stiehlt und die Seele erdrückt

Frank Ostaseski

 

Ein beliebter innerer Dialog ist oft, „Hätte ich doch nur“. „würde ich endlich“, „ du solltest aber mal“, „ich könnte das doch eigentlich besser“, „ das wird nie was“ und unzählige weitere Selbstgespräche.

Für uns selbst wäre das schon unangenehm genug, aber mit dieser Geisteshaltung schauen wir in die Welt, sie trennt uns von anderen Menschen, baut Mauern zwischen uns und „dem Anderen“.

In einem längeren Meditationsretreat hatte ich mal Mühe mit Urteilen, sodass mir der Lehrer die Aufgabe mitgab, die Urteile zu zählen. Ich hab es nicht mal einen ganzen Tag geschafft und war komplett erschöpft nach 360 Urteilen. Besonders aktiv war ich, sobald ich auf Menschen getroffen bin (es war ein Schweigeretreat), im Speisesaal, in der Meditationshalle, bei der Gehmeditation. Irgendwann konnte ich es achtsam belächeln und mich entspannen.

 

Je mehr uns solche vielleicht manchmal erhofften, aber auch unerwarteten angenehmen und unangenehmen Erfahrungen bewusst werden und wir sie annehmen können, desto eher lernen wir, offener und gelassener mit neuen

und schwierigen Situationen umzugehen.

Sylvia Wetzel

 

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