Ein Leben lang wollte, musste ich jemand sein. Ein kluger, fleißiger Schüler, guter Fußballspieler, braver Sohn, eifriger Student, zuverlässiger
Partner, verantwortungsbewusster Kollege, phantasievoller Aussteiger, kompetenter Koch, geschickter Handwerker, Stimmungskanone mit Gitarre, ernsthafter Meditierer, eine endlose Reihe von immer neuen, manchmal überlappenden Identitäten, die es galt so ernst wie möglich zu nehmen.
Damit verbunden auch immer die jeweiligen Herausforderungen, wenn es mal nicht nach Wunsch bzw. meiner Vorstellung, wie es eigentlich sein sollte, lief.
Ein ganzes Leben lang das Selbstbild zusammenbasteln, oft, um zu sehen, wie im Rückspiegel alles wieder auseinander fällt. Trotzdem brauchen wir diese Persönlichkeit, dieses vorübergehende sich ständig wandelnde Selbst, um mit der Welt unseren Mitmenschen in Beziehung zu gehen. Wir hätten es gerne stabil, zuverlässig, aber die Zeit sägt daran herum. Lange Zeit im Leben arbeiten wir daran es doch mal richtig dauerhaft hinzukriegen, schauen nach vorne werfen unseren Mix aus Lebenserfahrung und Energie ins Rennen, hoffen, bangen, dass es endlich mal hinhaut.
Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.
Irgendwann dämmert uns, dass wir auch nur auf der Durchreise sind, unsere Kräfte schwinden, unser Selbstbewusstsein verändert sich, Unsicherheit mag sich ins Selbstbild schleichen, wir sind aufgefordert, unser Bild von uns selbst upzudaten, sonst bricht das System komplett auseinander.
Erkennen wir die Zeichen der Zeit können wir die Möglichkeiten die sich aktuell bieten gut nutzen, wenn nicht, hecheln wir einer Idee hinterher, erstehen ein Ticket für intensives Leiden, Dukkha Royal.
Mit zunehmendem Alter reduzieren sich die Fragen auf zwei oder drei. Wie viel Zeit habe ich noch und was mache ich mit der verbleibenden Zeit?
In jeder Lebensphase gibt es Chancen und Herausforderungen. Wenn wir innehalten erkennen wir vielleicht was uns jetzt Zufriedenheit und Glück bescheren kann. Beim Älterwerden mangelt es möglicherweise an Körper- und Willenskraft, um unseren Kampf um Glück im Außen fortzuführen, wir sehen schlechter, hören weniger, erinnern langsamer (oder gar nicht), gehen mühsamer usw., mit einem Wort unsere Möglichkeiten schrumpfen, wir gehen unfreiwillig in der Rückzug (ins Retreat). Wir können vielleicht noch mithalten, müssen aber nicht mehr, sondern ernten die Früchte eines langen engagierten Lebens, das ist doch nicht schlecht.
Das Älterwerden ist jenseits unserer Kontrolle, aber wie wir altern liegt an uns.