Traditionell befasst sich die erste Betrachtung mit der Tatsache des Alterns. Wir wissen, wir sehen es, aber es ist enorm schwer sich vorzustellen, dass es uns tatsächlich betrifft. Folgende Beschreibung stammt aus der Schatztruhe Pali-Kanon
1. Betrachtung: Jarādhammomhi, jaraṃ anatīto (Ich unterliege dem Altern, ich bin dem Altern nicht entkommen)
Die Aussage & Der Zweck: Diese Reflexion stellt sich direkt der „Eitelkeit der Jugend“ (Yobbana-Mada) entgegen. Sie ist eine bewusste Erinnerung daran, dass die Vitalität, Kraft und Schönheit der Jugend vergängliche Zustände sind, keine feststehende Identität. Wir identifizieren uns mit unserer Jugendlichkeit und leiden, wenn sie schwindet. Diese Betrachtung durchbricht diese Identifikation.
Die Tiefe: Dies ist eine unmittelbare Kontemplation von Anicca (Vergänglichkeit) in unserem eigenen Körper. Der langsame, aber unaufhaltsame Prozess des Alterns ist ein machtvoller Lehrmeister der Unbeständigkeit. An der Jugend festzuhalten, während sich der Körper unweigerlich verändert, ist eine fundamentale Ursache von Dukkha (Leidhaftigkeit, Unzufriedenheit).
Obwohl die Beweise überwältigend sind, können wir es nicht glauben - auch ich werde altern. Es scheint immer nur die anderen zu treffen, im Spiegel bin ich immer ich, manchmal ein bisschen müde, grau, weniger Haare, aber eindeutig bin ich der/die gleiche wie gestern. Das Ich-Gefühl bleibt ohnehin gleich, sobald wir es wahrnehmen. Auch, wenn dieses Ich durch verschiedene Lebensphasen geht, älter wird, krank wird wirkt es überzeugend stabil.
Irgendwann entkommen wir aber den Veränderungen nicht mehr. Alles ein bisschen langsamer, Namen, Begriffe tauchen erst langsam oder gar nicht im Geist auf. Die Luft wird knapper, die Wehwehchen häufen sich, die Unterhaltungen drehen sich zunehmend um Krankheiten und Freunde/Freundinnen die nicht mehr da sind. Es kommt der Zeitpunkt an dem wir mehr Menschen kennen die tot sind, als noch lebende. Beim Umzug erschrecken wir vor der Menge an Angehäuftem und kennen nicht mehr genügend Leute beim Umzug in den 5.Stock helfen könnten. Jedes Stück das wir zurück-/loslassen müssen weckt wehmütige Erinnerungen. Auf der Strasse werden wir für viele Mitmenschen quasi unsichtbar. Der alte Schwung ist hin. Wir können die Tatsache, dass wir auf der Zielgeraden des Lebens nicht länger leugnen.
Am Wichtigsten ist es den Ruhestand zu nutzen, um zu zeigen, dass Du glücklich bist. Das ist eine Gefälligkeit an all die jungen Menschen die Dich beobachten. Du hattest ein langes Leben. Du hast hart gearbeitet. Du hast versucht Dich zu entwickeln. Nun kannst Du das alles endlich aufgeben. Du kannst eingestehen, dass es nicht funktioniert und Freude am Leben haben.
Was macht das mit uns? Tut es weh, keine Zukunft mehr zu haben? Ist der Rückblick auf unser Leben friedvoll, im Einklang oder bereuen wir manches? Es kann hilfreich sein die Veränderungen in der letzten Lebensspanne aufmerksam und nach Möglichkeit wohlwollend zu betrachten, zu reflektieren. Unsere vielleicht letzte Aufgabe ist es, unseren Frieden zu machen damit wie wir gelebt haben, was wir gewählt haben. Nutzen wir die Zeit, um innezuhalten, mitfühlend auf unser Leben zu schauen, dankbar, wertschätzend für unser Bemühen, es so gut wie möglich zu machen, für uns, und die uns lieben Lebewesen.
Der Gedanke, dass ich nicht mehr allzu lange Zeit habe ernüchtert mich. Er gibt mir das Gefühl, dass ich die Zeit gut nutzen will. Wenn man erkennt, dass man nicht mehr allzu viele Jahre zu leben hat, und wenn man so lebt als hätte man nur noch einen einzigen Tag, dann wird das Gefühl von Kostbarkeit und Dankbarkeit durch dieses Gefühl der Vergänglichkeit verstärkt.
Pema Chödron – Wisdom of no escape