In seinem Buch „Each breath, a new chance“ beschreibt Lewis Richmond unsere Lebensreise anhand der Aufteilung in Dekaden von Erik Erikson und betont vor allem die Zeit ab der 5.Dekade über die 60er und 70er Jahre bis zu den 80ern.
Jede Dekade hält Chancen und Herausforderungen bereit, die sicherlich nicht für jede/n gleich zutreffen, aber eine interessante Orientierung bieten. Spannend wird es ja immer, wenn wir uns selbst in diesen Beschreibungen wieder finden, andernfalls ist es eine amüsante Spielerei.
Die fünfte Dekade umfasst in diesem Modell grob die Jahre von Mitte 30 bis Ende 50. Eine Zeit des Tuns, des Sich-verwirklichens, seine Sätze im Buch des Lebens niederzuschreiben. Ich habe in der Zeit z.B. fast meine gesamte Energie in mein Herzensprojekt, ein buddhistisches Meditationszentrum, gesteckt. Ich hatte verschieden Wege beschritten, ausprobiert, Erfahrungen gesammelt und als Ergebnis mich für diese Aktivität entschieden, um meinen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten.
Genug Lebenserfahrung war da, Wissen, Reife, die Prioritäten geklärt und die Kraft, um meine Ideen, Träume umzusetzen.
Die 60er Dekade (nein nicht die Swinging Sixties…) ist eine Phase in der sich unter Umständen ein Nachlassen der Kraft bemerkbar macht, „der alte Schwung ist hin“, die Tendenz geht mehr Richtung stabilisieren, festhalten, im besten Falle ab- bzw. übergeben. Die aktive Zeit in unserem Leben neigt sich mit unterschiedlichem Tempo je nach Typ ihrem Ende zu. Es geht noch fast alles, aber nicht mehr gar so leicht.
Mitte 60 verlasse ich „mein“ Zentrum, gehe noch mal auf Risiko in die Großstadt, Neuanfang. Das Neue verstellt gut den Blick auf den Abschiedsschmerz von meiner Rolle, die Wunden des Festhaltens am Alten die noch nicht verheilt sind, das Niemand-sein. Die Vita Activa schleicht sich aus der Hintertür und da wo die Veränderung offensichtlich wird, tut es weh. Der Wille Dinge durchzuziehen ist überflüssig, fällt weg und immer öfter kommt die „Null-Bock“-Haltung im Alltäglichen ans Tageslicht.
Die Natur lehrt uns in jedem Teil, dass das Dahingehen eines Lebens Platz für ein anderes schafft. Die Eiche sinkt sterbend zu Boden und hinterlässt mit ihrer Borke einen reichen jungfräulichen Humus, der einem werdenden Wald kraftvolles Leben verleihen wird. Die Kiefer hingegen lässt sandigen und unfruchtbaren Boden zurück, die härteren Gehölze ein kräftiges und ergiebiges Erdreich.
Spätestens in den 70ern (nein nicht die Disco-Periode) finden wir uns vielleicht in der Bedeutungslosigkeit wieder, müssen uns neu definieren. Es ist nicht mehr zu leugnen, dass sich da etwas geändert hat. Wer ist der runzlige Typ im Spiegel? Selbstverständliches braucht mehr Zeit (Anlaufzeit beim Autofahren), der Mittagsschlaf rückt aus dem Ehrenamt ins Pflichtprogramm, Erholung nach Anstrengung braucht länger. Jeder Einschlag im Umfeld (Krankheit, Todesfälle, Einschränkungen) haut mehr rein.
Da ich noch nicht von größeren Einschränkungen betroffen bin, wiege ich mich noch länger in der Illusion, dass alles gut ist. Ich sehe um mich herum, aber meine Träume sagen mir, dass da eine Angst darunterliegt, wann trifft es mich, schaffe ich es würdevoll damit umzugehen!?
Lewis Richmond beschreibt die 70er als eine Periode des Chaos, das Unvorhersehbare macht sich breit. Unsicherheit, Widerstand, Ignoranz, um die unvermeidlichen Veränderungen nicht wahrnehmen zu müssen.
Sein Buch beschreibt die 80er als eine Zeit der Dankbarkeit und Wertschätzung, das kann ich frühestens in 10 Jahren bestätigen, bis dahin ist das ein lohnendes Ziel. Ein dankbarer Rückblick auf unser Leben ist aber auch vorher immer eine wundervolle Idee. Wir haben unser Bestes gegeben und es war, für mich zumindest, eine tolle Reise mit allem drum und dran.
Ich habe festgestellt, dass wir alle zahlreiche potentielle Lernmöglichkeiten haben, aber nicht jede/r verdaut diese Lektionen und wird über die Jahre hinweg eine weise Respektsperson. Einige werden einfach nur alte Narren – ermattet und zynisch, gelangweilt und desillusioniert – weil sie über das was sie durchlebt haben nicht reflektieren, es nicht verstehen und nicht davon lernen konnten.
Lama Surya Das - Buddha is as Buddha does