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ICH und mein Eigenheim – ein Heimwerkerbauprojekt

Wir fangen klein an, kaum auf der Welt braucht es für unser Selbstgefühl kaum mehr als eine Hundehütte. Das Ich ist noch weit jenseits des Horizonts.

Alles ein bisschen nebelig, Stimmen, Formen  Farben unbestimmt geheimnisvoll. Aber schon recht bald werden in uns die Baupläne angelegt mit Hilfe unserer Liebsten. Hier ein unerfülltes Bedürfnis, dort mal stehengelassen, da eine Zwangsneurose usw. Wir richten ein erstes Zimmer ein möbliert mit Ich, mir, meines. Mein Spielzeug, mein Teller, mein Bett, wir lernen was unseres ist und was nicht (manche lernen das nie). Wir beginnen uns gegen die Welt abzugrenzen, wie!? Wir wiederholen gebetsmühlenartig, das gehört mir, das bin ich (noch sehr eingeschränkt, aber immerhin), wir fangen an, unsere Sicht auf die Welt stets neu zu rekonstruieren. Je älter wir werden desto wichtiger wird es, dass wir uns rückversichern wer wir sind, was wir können, was wir wollen, was wir brauchen, was wir nicht mögen, was wir an uns mögen, was nicht. Wir bauen unser „Eigenheim“ mit vielen themenorientierten Räumen.

Mein Musikgeschmack, meine Kompetenz, meine Fähigkeiten, mein Style, mein Aussehen, mein Auto, meine Abenteuer, mein Freund/Freundin. Was wir auf unserem Weg ins /durchs Leben zusammenbauen, fällt teilweise hinter uns wieder auseinander. ICH muß mich ständig coachen, um die Illusion wirklich erscheinen zu lassen, muß mit soufflieren, muß meinen Status im Leben updaten, mein Image renovieren.

Außen wie innen sind ständige Reparaturarbeiten notwendig, das Dach stürzt ein, die Fenster undicht, innen vergammeln die Möbel, die Elektrik fällt aus, das Sanitärsystem leckt.

 

Humor ist jedoch auch sehr hilfreich, denn das meint die wunderbare Fähigkeit, sich und die Welt aus einer freundlichen und wohlwollenden Distanz zu betrachten. Und wenn wir Überlegungen und Übungen, die uns inspirieren, spielerisch ausprobieren, finden wir leichter heraus, was zu uns passt und zum Leben hilft.

Sylvia Wetzel

 

Ich bin poptechnisch nicht mehr auf dem neuesten Stand (es gibt einfach keine gute Musik mehr), ich verliere meine unhinterfragte Expertise (ich konnte das früher doch mal) , werde unsicher (die anderen fahren ja miserabel), werde langsamer (ich glaub ich setz mich erstmal hin), ungeschickter (oops was war das denn), finde nichts Passendes mehr zum Anziehen (was bieten die denn in den Läden an!?), Haare gehen aus (ein Zopf als Erinnernung an Hippie-Zeiten), Haut wird schlaff (im Spiegel sehe ich ok aus, wer ist das denn auf dem Foto), kein TÜV mehr, alles was ich früher investiert habe verliert an Wert. Ich komme kaum nach mit den Veränderungen.

 

Heute noch zu jung, jetzt schon beim alten Eisen. Ein kugelsicheres Selbst ist einfach nicht bei Amazon zu bekommen, mein ICH flutscht mir zwischen den Fingern durch. Ich weiß doch wer ich bin, da steckt doch ein Plan, eine Strategie hinter meiner Stirn (!?) in meinem Herzen (!?). Warum bleibt das nicht so/warum geht das nicht weg? Ich will aber, na und…

Warum ist dieser ständige Kampf um Beständigkeit, Berechenbarkeit so erschöpfend……

So schnell kann ich mein Selbstbild gar nicht zusammenzimmern wie es sich wieder in seine Bestandteile auflöst.

Also entspannen, loslassen, akzeptieren, lächeln- aber wie!?

 

Wenn wir den Mut haben, unser eigenes Leid wahrzunehmen, und es uns gelingt, mit Mitgefühl und Freundlichkeit darauf zu reagieren, werden wir auch freundlicher und mitfühlender auf andere zugehen können. Wir spüren dann Leichtigkeit, Warmherzigkeit und Wohlbefinden, was wiederum einen positiven Effekt auf alle hat, denen wir begegnen.

Christine Longaker

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