Was heißt das Nicht-Wissen kultivieren? Um welches Wissen handelt es sich? Üblicherweise gebe ich mir nicht gern die Blöße nicht zu wissen, nicht mithalten zu können, aber das macht natürlich oft ganz schön Druck.
Nicht-Wissen könnte bedeuten völlig offen an eine Situation heranzugehen, neugierig, irgendwie unschuldig. Das kann sich sehr frei anfühlen. Ich verlasse mich auf keine Vorkenntnisse, keine Strategie, ich nehme es gerade so wie es kommt.
Ich konnte diese Frische gut beobachten, als ich vor einigen Jahren von meinem vertrauten Leben als Seminarhausleiter Abschied genommen habe, eine Rolle in der ich jemand war, der wusste wie es läuft (zumindest in meinem Bereich) und in Berlin völlig neu angefangen habe. Alles war aufregend, ungewohnt, hat mich wach gerüttelt und meine Geistesgegenwart erfordert. Die Ausgangslage auf nichts zurückgreifen zu können sondern einfach so da zu sein wie ich bin machte neue Erfahrungen und Kontakte möglich.
Ich konnte beobachten wie sich ganz leise neue Gewohnheiten und Konzepte einschlichen, hier und da hatte ich rasch meine Vorlieben entdeckt und baute mir neue Orientierungspunkte auf.
Die Eigenschaft der Untersuchung braucht Mut. Wir müssen zugeben was wir nicht wissen, und bereit sein die tiefsten Fragen des Lebens zu erforschen.
Einen ähnlichen Prozess durchlief ich, als ich in einem anderen Seminarhaus meinen Entzug vom Seminarhausleben einleitete. Zu Anfang ganz offen für die Art und Weise wie dieses Haus geführt wurde, trotz meiner langjährigen Erfahrung konnte ich mich darauf einlassen wie es dort gehandhabt wurde. Ich musste nicht den großen Seminarhaus-Guru geben (hab ich, kenn ich, eigentlich macht man das besser so….). Das fühlte sich geräumig an, ich konnte dazu lernen und die Andersartigkeit schätzen, ich musste niemandem mein Know-How aufdrängen. Doch nach einer gewissen Zeit verfestigte sich mein altes Seminarhaus-Ich wieder und aus Offenheit, Flexibilität wurde Besserwisserei, Nörgelei und innere Enge. Der Anfängergeist hatte sich verflüchtigt und ich suchte zunehmend Halt in meiner früheren Kompetenz, in meinem Wissen, meiner Routine. Die neugewonnene Freiheit verabschiedete sich und ich verteidigte mein „Seminarhaus-Ich“ mit Händen und Füssen, sehr unerquicklich und unangenehm.
Zum Nicht-Wissen Zuflucht zu nehmen wirkte eine Weile sehr befreiend, aber so bald Unsicherheit auftaucht möchte ich zeigen wer ich bin, verstecke mich hinter meinem Bescheidwissen. Die Identifikation mit meiner Erfahrung, mit dem was ich weiß, wird manchmal richtig stressig……..
Wie viel Leiden und Furcht, und wie viele schädigende Dinge sind in der Welt? Wenn all dies durch das Anhaften an das „Ich“ und das „Selbst“ entsteht, was soll ich dann nur mit diesem großen Dämon tun?
Shantideva